|
|
Heute wirkt die Zeit der großen Windjammer auf uns romantisch verklärt,
doch die rauhe Wirklichkeit war für die alten Seeleute unvorstellbar hart und
beschwerlich. Die Segelmanöver an Deck und in der Takelage erforderten ungeheure
körperliche Anstrengungen. Primitive Unterbringung, unzureichende Kleidung, einseitige
Ernährung, Kälte und Wind. Salzwasser und Rattenplage verursachten Krankheiten wie
Rheumatismus, Gelbsucht und Skorbut. Teilweise herrschten an Bord Bedingungen, die an
Sklaverei grenzten.
All das
fand seinen Niederschlag in den zahlreichen Liedern, wie sie in der großen Zeit der
Segelschiffahrt aufkamen oder weiterentwickelt wurden. Einerseits waren es
Arbeitsgesänge, die aus einem Wechselgesang zwischen dem Vorsänger, dem »Shantyman«
und dem Chor bestanden. Durch diese Songs erreichte man einen gleichmäßigen, gemeinsamen
Kräfteeinsatz beim Ziehen eines Taus, beim Drehen eines Spills oder beim Bedienen einer
Pumpe.
Andererseits
waren es Freizeitlieder, die nach den großen eisernen Pollern, auf denen die Seeleute bei
gutem Wetter saßen, auch "Poller-Lieder oder Forebitter" genannt wurden.
Während die Arbeitslieder ohne Musikbegleitung erklangen, wurden die Forebitter häufig von einer Harmonika, Fiedel oder Gitarre begleitet. Beide Liedertypen gemeinsam bezeichnete man mit dem Namen "Shanty" - was wohl vom englischen "chant" gleich "singen" abgeleitet wurde. Am Anfang waren die Arbeitslieder wilde, lautmalerische Gesänge
zum Heißen leichter Vorsegel oder einer Rah, an den Brassen und überall dort, wo ein
leichter "Pull" zu machen war. Eine Art "Hau-ruck" mit Füllsilben,
ein "Aussingen" mit Elementen des Blues. Daraus entstanden die kurzen
Holgesänge oder "Short-Haul-Shanties". Das älteste dieser Lieder stammt
wahrscheinlich aus dem 16. Jahrhundert.
Eine
zweite Gruppe von Arbeitsliedern bilden die "Hand-über-Hand-Shanties" beim
Heißen leichter Stagsegel, bei denen ein Tau mit der linken und rechten Hand abwechselnd
geholt wird. Daraus entstanden zahlreiche "Halyard" oder
"Fall-Shanties". Zu dieser Gruppe gehörten beispielsweise
"A
long time ago" und "Roll the cotton down".
Die dritte Gruppe sind jene Lieder, die an der Pumpe oder am Gangspill gesungen wurden. Die einen nannte man "Pump-Shanties", die anderen "Capstan- oder "Windlass-Shanties". Man sang sie beim Heben und Niederdrücken der Pumpenschwengel oder indem man - die Handspaken vor der Brust - um ein Gangspill herumging. Zwei typische "Capstan-Shanties" sind "Rio Grande" und "Sacramento".
Viele
dieser Gesänge sang man auch wahlweise sowohl am Gangspill als auch an der Pumpe. Am
Ankerspill wurden zuerst die schnelleren Shanties wie die oben erwähnten gesungen,
solange das Schiff an den Anker herangezogen wurde. Beim Hieven des Ankers erklangen dann
die langsameren "CapstanSongs", wie "Rolling home" und
"Shenandoah".
Die
rauhen Gesänge der alten Fahrensleute sind allesamt echte, unverfälschte Volkslieder.
Viele gehen auf alte Volksweisen zurück, zum Teil stammen sie aus der Tradition der
nordamerikanischen Negersklaven, Goldsucher, Holzfäller und Eisenbahnarbeiter.
Wie bei den Volksliedern
üblich, wurden sie stets den jeweiligen Situationen angepaßt, textlich und musikalisch
verändert und "zurechtgesungen". Aus diesem Grund sind die einzelnen Lieder in
den verschiedenen Sammlungen auch in zahlreichen Versionen zu finden, die teilweise sehr
stark voneinander abweichen.
|